Die Senioren-Union Salzgitter hatte Oberstaatsanwalt a. D. Dr. Hans-Jürgen Grasemann zu Gast. Der ehemalige Leiter der Erfassungsstelle in Salzgitter-Bad ist heute noch Mitarbeiter im Zeitzeugenbüro. Zu seinen Spezialgebieten gehört u. a. die Tätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). In einem fesselnden Vortrag informierte er über die geheimdienstliche Tätigkeit der Stasi im Westen Deutschlands.
Dr. Hans-Jürgen Grasemann und viele interessierte ZuhörerDie Spionagetätigkeit des SED-Regimes wurde von der Hauptverwaltung „Aufklärung“ (HVA) der Stasi wahrgenommen. Leiter war von 1952 bis 1986 Markus Wolf, ihm folgte Werner Großmann. Wolf wurde auf eigenen Wunsch aus der Stasi entlassen und danach von seinen Genossen und früheren Kollegen überwacht. Die HVA hatte ca. 4.000 hauptamtliche Mitarbeiter in Westdeutschland eingesetzt. Darunter waren 50 „wichtige“ Agenten. Günther Guillaume aus dem Umfeld Willy Brandts war wohl der bekannteste, aber nicht der wichtigste allein. Dazu gehörte auch Referatsleiterin Dr. Gabriele Gast beim BND oder Klaus Kuron beim Bundesamt für Verfassungsschutz. Er war direkter Untergebener von Klaus Tiedge, der ebenfalls für die Stasi spionierte. Er setzte sich ab, als er die Enttarnung wegen seiner Suchtprobleme (Alkohol, Glücksspiel) befürchtete. In Folge der Flucht Tiedges wurden innerhalb eines Monats zahlreiche Sekretärinnen enttarnt, die im Zug von „Romeo-Operationen“ für die Stasi angeworben worden waren.
Neben „gewöhnlichen“ Spionen hatte die Stasi auch „Einflussagenten“ eingesetzt. Sie wurden größtenteils erst nach dem Untergang des SED-Regimes durch die Aufarbeitung der Stasi-Akten enttarnt. Dazu gehörten u. a. Hannsheinz Porst (FDP), William Born (FDP), Karl Wienand (SPD) und Rudolf Merker (SPD). Die Stasi hatte alle auf ihrer Gehaltsliste, ihre Aufgabe war die Einflussnahme in den politischen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen (APO, Studentenschaft usw.). Durch Bestechung eines Bundestagsabgeordneten verhinderte die Stasi 1972 auch die Abwahl des SPD-Bundeskanzlers Willy Brandt.
Die Stasi war auch verantwortlich für ca. 400 Entführungen aus Westdeutschland in ihr Herrschaftsgebiet. Zu den spät enttarnten Stasi-Agenten gehörte auch der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte. Doch auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung sind noch längst nicht alle subversiven Tätigkeiten in Westdeutschland aufgedeckt, die im Auftrag der Stasi ausgeführt wurden.
Zusammenstellung LPS NIS, Text und Bilder: © Hans Verstegen