. . . den Mauerbau vor 54 Jahren. An dem Mauerelement vor der ehemaligen Erfassungsstätte legte der CDU-Kreisverband ein Blumengesteck nieder.
Die CDU pflegt diesen Brauch, seitdem diese Erinnerungsstätte in Salzgitter errichtet wurde. Nach dem Gedenken traf man sich mit einem Zeitzeugen, für den das SED-Unrecht zum persönlichen Schicksal gehört.
von links: Hans Verstegen, Karin Verstegen und Hartmut Richter vor der Erinnerungsstätte2015 war Hartmut Richter (Jahrgang 1948), Flüchtling, Fluchthelfer und wegen „republikfeindlicher Handlungen“ Verurteilter zu Gast.
Richter wuchs in Werder (nahe Potsdam) in einer Familie mit einer jüngeren Schwester auf. In den ersten Schuljahren wurde er Mitglied der Jungpioniere. Zunächst noch begeistert, wandelte er sich zum kritischen Jugendlichen. Seine Eltern konnten das nicht verstehen, zumal sie „Jugendorganisationen“ noch aus dem 3. Reich kannten. Pimpfe, BDM und HJ gehörten damals zur „Erziehung“ der Jugend. Daraus wurden im SED-Regime Jungpioniere, Thälmannpioniere und FDJ (Freie Deutsche Jugend).
Teilnehmer vor dem Mauersegment
Richter wandelte sich zum Gegner des Regimes, als er Mitschüler verraten sollte, die Westfernsehen sahen. Mit 14 Jahren weigerte er sich, der FDJ beizutreten. Nachteile konnte er dadurch abwenden, dass er in seiner Schulklasse zum Gruppensprecher (Klassensprecher) gewählt wurde.
Wie er schilderte, waren zwei Jugendfreunde ziemlich unkompliziert über die tschechische Grenze nach Bayern geflohen. Bei seinem Versuch wurde er von SED-Grenzern gefasst und wegen „Passvergehens“ zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. 1966 gelang ihm die Flucht durch den Teltow-Kanal nach West-Berlin. Durch ein Amnestiegesetz wurde der Vorwurf der „Republikflucht“ aufgehoben und er konnte wieder nach Berlin reisen.
Hartmut Richter beim Vortrag
Richter begann ab 1970 Freunde und Bekannte über die Transitwege nach Berlin zu schmuggeln. 1975, ausgerechnet als er seiner Schwester mit ihrem Verlobten zur Flucht verhelfen wollte, flog er auf und wurde wegen „staatsfeindlichem Menschenhandels“ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach fünf Jahren Haft kaufte ihn die Bundesrepublik Deutschland frei. Er engagierte sich weiter gegen die unmenschlichen Zustände des SED-Regimes. U. a. sammelte er auch für die Aufrechterhaltung der gemeinsamen Erfassungsstelle der Länderjustizverwaltungen in Salzgitter, als sozialdemokratische Ministerpräsidenten (Lafontaine/Saarland, Schröder/Niedersachsen und Rau/NRW) die Zahlungen dafür einstellten.
Hartmut Richter, im Hintergrund das benutzte Fahrzeug
Wie die Salzgitter-Zeitung in ihrem Bericht vermerkte, nahmen nur ältere Mitbürger an der Veranstaltung teil. Die Senioren-Union hatte aufgerufen, die Veranstaltung zu besuchen, ihre Mitglieder stellten den weit überwiegenden Teil der Gäste.